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GERHARD ALTMANN & GRAZER AUTOR*INNEN VERSAMMLUNG

Datum: Samstag, 12. Dezember 2020
Beginn: 20:00 Uhr

Die Grazer Autorinnen Autorenversammlung

 

 Die Grazer Autorinnen Autorenversammlung hat es sich - als größte österreichische Literaturvereinigung - seit ihrem Bestehen zur Aufgabe gemacht, einerseits die Verständigung und Kooperation von Autorinnen und Autoren zu fördern und andererseits auch jenen literarischen Strömungen und Verfahrensweisen Raum zu geben und Beachtung zu schenken, die sich abseits des großen Marktes finden und bisweilen auch marginalisiert werden. Sie fördert ihre Mitglieder sowohl ideell, indem sie ihnen in ihren (kulturpolitischen) Anliegen beisteht als auch materiell, indem sie Veranstaltungen organisiert und Honorare zur Verfügung stellt. Sie erhebt in aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen die Stimme. Sie ist ein großes literarisches Netzwerk mit etwa 700 Mitgliedern aus allen Teilen Österreichs sowie einigen Auslandsösterreicher-

innen und Auslandsösterreichern.

 

Zu den Gründungsmitgliedern der GAV zählten u. a. H. C. Artmann, Wolfgang Bauer, Elfriede Gerstl, Ernst Jandl, Gert Jonke, Friederike Mayröcker, und bildende Künstler*innen wie Valie EXPORT und Hermann Nitsch. Sie wurde 1973 in Graz gegründet und übersiedelte 1975 nach Wien, in den Robert-Musil-Gedenkraum im 3. Bezirk.

 

Gerade die GAV Burgenland versteht sich als Gruppe, der zeitgenössische AutorInnen angehören, die entweder (auch) im Burgenland leben oder im Burgenland geboren wurden, und welche ein breites Spektrum an literarischen Verfahrensweisen und gattungsspezifischen Facetten in ihre Arbeit einbringen! Diese Gruppe von AutorInnen stellt einen lebendigen Fokus in der zeitgenössischen österreichischen Literaturszene dar, sie verkörpert und repräsentiert das realistische narrative Schreiben ebenso wie das experimentelle oder gattungsüberschreitende Arbeiten. Wesentlich scheint uns der Kontakt zur jeweils lokalen oder auch regionalen Bevölkerung und das Eröffnen von kommunikativen Prozessen und Diskussionen, die auf unserer Arbeit basieren. Seit 2016 ist Karin Ivancsics Vorsitzende und Regionaldelegierte für das Burgenland.

 

Im Folgenden stellen sich einige Autor*innen unserer Gruppe mit Kurzbiografie und Textauszügen vor: Clemens Berger, Manfred Chobot, Petra Ganglbauer, Christl Greller, Klaus Haberl, Karin Ivancsics, Peter Pessl, Dine Petrik, Mechthild Podzeit-Lütjen, Beatrice Simonsen, Susanne Toth. Ebenfalls in der Regionalgruppe dabei: Gerhard Altmann, El Awadalla, Elke Steiner, Alice Harmer, Fria Elfen, Daniel Wisser.

 

***

 

 

 

 

Clemens Berger

 

Geboren 1979 in Güssing, aufgewachsen  in Oberwart, Studium der Philosophie in Wien, wo er heute als freier Schriftsteller lebt. Letzte Veröffentlichungen: „Das Streichelinstitut“ (2010), „Ein Versprechen von Gegenwart“ (2013), „Im Jahr des Panda“ (2016), „Der Präsident“ 2019.

 

 

Mein Burgenland, mein Balkan

 

„Wenn sie mich fragen, werde ich sagen, daß ich nirgends herkomme und niemanden kenne. Es gibt mich einfach nur so.“ So spricht eine Figur in einer Erzählung Terézia Moras, die in Sopron oder Ödenburg aufwuchs, das die Hauptstadt jenes Landes hätte sein sollen, in dem es kaum Burgen gibt und das dennoch nach ihnen benannt ist. Der Erzählband „Seltsame Materie“ ist in jener Grenzregion angesiedelt, in der man den Neusiedler See, die Puszta, die schier unendliche Weite der Ebene, die Vermischtheit der Menschen und Sprachen, Melancholie und trotzige Lebensfreude, die Enge jener Weite und die Ausbruchsversuche aus ihr, aber auch die Gewalt und den Stumpfsinn dessen erkennen kann, was bisweilen Pannonien genannt wird und wovon niemand so recht zu sagen weiß, was das denn sei. Die Römer jedenfalls betrachteten die Bewohner dieser ihrer Provinz als Räuber, Diebe und Wegelagerer.

In diesem Satz verdichtet sich die Erfahrung der Grenze, die einmal hier und einmal dort gezogen wird, aus handfesten und bisweilen willkürlichen Gründen: Man weiß nicht genau, woher man kommt, vielleicht will man es auch nicht so genau wissen, es möglicherweise vergessen. Weil man vernünftigerweise von Heimat nicht sprechen kann, die es höchstens in der Kindheit gab, wenn man Glück hatte. Weil Heimat einem so leicht widerrufen und aberkannt werden kann. Weil man von keinem Volk sprechen kann, wenn man nicht von Sinnen ist und alle Unterschiede auslöschen will. Weil man keine festen Identitäten konstruieren kann, gerade dort nicht, wo nichts eindeutig ist: nicht die Sprache, nicht der Glaube, nicht die Ethnie. 

Die einen sprechen Deutsch, die anderen Ungarisch, wieder andere Kroatisch, manche Romanes, aber niemand mehr jiddisch. All diese Sprachen haben sich in Dialekten, Klängen, Lautfarben vermischt: vom Norden über die Mitte zum Süden des heutigen Burgenlandes bis nach Westungarn, wo in manchen Gemeinden ein Deutsch?, Burgenländisch?, Deutschwestungarischdeutsch? gesprochen wird, das es wegen des Eisernen Vorhangs nur mehr auf dieser Seite gibt. So ist das Ungarisch der burgenländischen Ungarn dem Ungarischen nicht unähnlich, das Kroatisch der Burgenlandkroaten wird von kroatischen Linguisten studiert, die ihre Sprache um alles in der Welt vom Serbokroatischen abgrenzen wollen, und im Singsang vieler Roma scheinen sich alle Sprachen in einem selten gehörten Deutsch zu durchdringen. Und während jene Burgenländer (und Menschen aus dem Schwellenland, bevor es zu Österreich kam), die als Wirtschaftsflüchtlinge massenhaft, dorfhaft vom armen Land in die Neue Welt auswanderten, am Ende des 19. Jahrhunderts, zwischen den beiden Kriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg, dreiundsechzigtausend insgesamt, in den Vereinigten Staaten einen Dialekt konserviert haben, den so im Burgenland niemand mehr spricht, dürfte jene Sprache, welche die Burgenländer am besten beherrschen, Englisch sein. Wenn es die Sprache nicht ist, aus der sich eine eindeutige Identität erschaffen ließe, kann es genauso wenig die Religion in einer Gegend sein, in der man hauptsächlich katholisch, evangelisch oder reformiert ist, wo das Jüdische ausgemerzt und vertrieben wurde und zusehends mehr Moslems leben.

 

 

Auszug/Beginn des Essays „Mein Burgenland, mein Balkan“, erschienen im DATUM

 

***

 

 

Manfred Chobot

 

Geboren 1947 in Wien. Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe „Lyrik aus Österreich“. Redakteur der Literaturzeitschrift „Podium“ (1992 bis 1999) und „Das Gedicht“ (1999 bis 2002). Zahlreiche Bücher, zuletzt: Mich piekst ein Ameisenbär – Weltgeschichten (Löcker 2013); Doktor Mord. Mini-Krimis und Das Killer-Phantom. Mini-Krimis (Löcker 2015); Nur fliegen ist schöner. Gedichte (Löcker 2017); Franz – Eine Karriere. Erzählungen (Löcker 2017).

www.chobot.at

 

 

Dorfgeschichte

 

Abends eine Theateraufführung im Fernsehen – in französischer Sprache. Ein wenig verstanden.

Am nächsten Morgen fahren wir 80 Kilometer östlich. Ein kleiner Ort. Im Sommer Fremdenverkehr. Wir sitzen in einer Küche, werden bewirtet und hören von den Problemen eines burgenländischen Nebenerwerbsbauern, der während der Woche in Wien in einer Fabrik arbeitet.

Bauer, Bäuerin und Jungbauer haben noch Arbeit, die getan werden muß. Wir sind mit der Großmutter allein. Sie schenkt uns Wein nach und sagt:

Jo, jo, de Sau hoit nuit geaum oftn fuig nim aun wuig, hir nix mön weutn dea laten guifn weat, naha weat keufen, poin feut doiktn, oftn gaun schuik, weat kuifn, den Sau...

Entschuldigung, wir haben nicht ganz ver-

De Sau hoit nuit geaum oftn fuig nim aun wuig, hir nix mön weutn dea laten guifn, naha weat kuifn, poin feutn...

Also die Sau, Sie haben die Sau...

Weat kuifn poin feut doiktn, oftn gaun schuik weat kuifn, den Sau fuit gwen, ni weat wuin laut is poin nusa Sau...

Wir resignieren und nicken gelegentlich. Ab und zu garnieren wir mit Mhmmm, Mmmmm.

...Sau fol zut schui gwen, koin töl nuit moin, weat...

Der Zimmervermieter ein paar Häuser weiter sagt immer während des Sommers (in den Ferienmonaten ist er schwerer zu verstehen als im Winter): Jungejunge, Sachen jibt et, da kiekste, wat.

Ausnahmsweise verstanden wir ihn.

 

***

 

 

Petra Ganglbauer

 

Geb. 1958 in Graz. Lebt als freiberufliche Autorin und Radiokünstlerin in Wien und im Burgenland.

Lyrik, Prosa, Theorie, Hörstücke, Hörspiel, Projektkonzeptionen.

Bücher, zuletzt: Ringhörig, Edition Art Science, Wien  – St. Wolfgang (2013), Wasser im Gespräch,

edition  Keiper, Graz, So sein selbst so. Gemeinsam mit Sophie Reyer, Edition Zeitzoo (2016).

 

 

 

DECKE, der Himmel

Legt sich darüber & legt sich

Das Machtwort (der Dunkelheitsträger) unter 

Die Decke aus damastartigen Spuren, aus

Verblitzung und landkartenartigen

Skizzen, aus Sternchen und Ideen.

Oder

Legt sich darüber & legt sich 

Der KRIEG

(Das fallende Bild) unter

Die Decke aus ewiger Erzählung, aus

Knochen, Wegweisendem (Licht), 

Aus Zufall und Durchsicht.

 

Dann und nur jetzt

Spricht es von Wesenhaftigkeit:

(Windel, Wiege, Ursprung).

Und immer jetzt lebt (spricht) es!

 

                                            (Wie Hoffnung!)

 

 

 

***

 

 

Christl Greller

 

Geboren 1940 in Wien, seit 56 Jahren Schwiegerburgenländerin. 6 Lyrikbände, 3 Erzählbände, 1 Roman (zwei davon in burgenländischen Verlagen). Texte in unzähligen Zeitschriften, auch "Pannonia" und "Pannonisches Jahrbuch". Zahlreiche Lesungen in Literaturzentren wie Literaturhaus Mattersburg, OHO, Gerbgruben, Altes Kloster Lockenhaus…, Interviews, Lyrik-und Prosa-Sendungen in Radio Burgenland. 2 burgenländische Lyrikpreise.

 

 

Kommt man von Mischendorf über die Teichbach-Brücke, dann liegt linkerhand das Gasthaus Schuh. Es ist das letzte verbliebene der drei Wirtshäuser, die der Großvater noch auf ein paar Vierteln und eine ordentliche Rauferei aufsuchen konnte. Rechterhand das Kaufhaus Fürst.

Die Straße, die den Teichbach entlang führt, verläuft eben. Von ihr führen alle Gassen aufwärts, zum Hügelrücken hinauf, von dem aus man nordwärts bis Großpetersdorf sieht. Rechts vom Kaufhaus, wo das Feuerwehrhaus steht, ist so eine Straße. Sie ist sogar besonders steil. Denn das Burgenland ist nicht bretteleben: Je mehr Richtung Süden, Richtung Taille, umso mehr beginnt es Falten zu schlagen, wird uneben und hügelig, türmt sich auf  bis zum Geschriebenstein. In den Hügeln südlich der Taille liegt Kleinbachselten und darin das Großvaterhaus. "Klein" und "Bach" und "selten" – ein Name wie im Märchen, der auf der Zunge zergeht.

Vom Spritzenhaus der Feuerwehr geht es bergauf, den Hügel hinan, der jetzt Rosenberg heißt. Zur Großvaterzeit hat er noch keinen Namen. Die Häuser haben Nummern in der Reihenfolge ihres Entstehens. Das Großvaterhaus hat die Nummer 19.

Ich steige ihn langsam hinauf, den Hügel. Das Dorf  ist terrassenförmig gebaut, denn trotz der Senkung sind die Höfe fast alle eben angelegt, auch der Großvaterhof. Die Grundstücke wurden - so gut es ging - begradigt. Aber zwischen den einzelnen Höfen gibt es Abbrüche, kurze Steilhänge, ungenutzte Erdwände. Man sieht sie kaum, sie sind mit Büschen zugewachsen. Im Frühling sind diese Erdwände voll von Blüten.

"1929" steht in spannenhohen Ziffern im Giebelfeld des niedrigen Gebäudes, das - von der Straße durch den Hof getrennt - an der Rückseite des schmalen langen Grundstückes liegt. Der Großvater hat hier eingeheiratet und baut 1929 zusammen mit seinen Söhnen dieses Haus an der Stelle eines viel älteren.

Ich stehe an der Giebelseite und schaue ins Dorf hinunter. Rechterhand, dem Blick folgend, eine Wiese mit Streuobstbäumen, hauptsächlich Zwetschken. Die Wiese gehört schon dem Nachbarn, das Obst läßt er demjenigen, der es aufklaubt.  Auf der anderen Straßenseite hält jemand ein paar Ziegen. An ihnen ist nichts Liebedienerisches. Mit ihren spitz abstehenden Hörnern und ebensolchen Euterzitzen glöckeln sie die Böschung entlang und strecken der Welt herausfordend ihren gleichfalls abstehenden Kinnbart entgegen.

 

Auszug aus der Erzählung "…und baue das Großvaterhaus aus Erinnerung und Traum"

in: "Behaust. Menschen unter Dach im Burgenland". Edition Marlit 2016.

 

***

 

Klaus Haberl

 

Geboren 1957. Großeltern und Mutter aus Kobersdorf, Burgenland. Freier Schauspieler, Autor und Regisseur. Schreibt Lyrik und Dramatik. Nestroypreis für die Uraufführung seines Stückes "Hain" 2001/Nominierung zum Literaturpreis "Irseer Pegasus", 2010

Veröffentlichungen: "Ein Zimmer hinaus, in dem ich wohne", Gedichte, edition lex liszt 12 (2010),

"mars versus venus", Gedichte und Sounds, edition zeitzoo Wien, 2015, "Auf den Treppen der Erde", Gedichte, edition lex liszt 12 (2015), „Warten“, Bibliothek der Provinz 2019, „Erdengemälde“, Edition lex liszt 12.

 

 

Harmonie

Eine Kindheitserinnerung, anlässlich unseres Spiels einer Ritterprüfung

Romanze in 5- Taktmotor Zeit

 

 

Das Schwerste war, die Stöcke zu binden,

(das mürrische Holz).

 

Wir ewigen Kinder. Verließen das Haus

und rannten zum Bach, (als wäre er heilig).

 

Hier nahm der Körper erst seine Gestalt,

(unter Wasser das Bleiben, die Fische wie wir, eine Ordnung).

 

Und dann zu den Wiesen, dem Hang

aus zerfließendem Licht, zu den Früchten,

 

dem Obst, wo die Pferde, (die Hälse geliebt, das Surren

der Gerte - mein Mund - dieser Zucker, das Licht).

 

Im Blumenblut saßen wir Kinder.

Wir Ritter, die gar nichts besaßen.

 

 

***

 

 

 

Karin Ivancsics

 

Geboren 1962 in St. Michael im Burgenland, aufgewachsen in Deutsch Jahrndorf. Lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien und im Burgenland. Schreibt Erzählungen, Romane, Lyrik, Theaterstücke und Essays. Preise und Stipendien. Regionaldelegierte der GAV Burgenland.

Bücher, zuletzt: Aus einem Strich die Landschaft, Essays, Edition Lex Liszt 12 (2015), Anna hat zwei Tage, Erzählungen, Restplatzbörse, Roman, Die Gastgeberin, Roman, alle Bibliothek der Provinz, Weitra. www.karinivancsics.at

 

 

Ich bin, wenn man so will, ein Grenzfall. Aufgewachsen zwischen zweierlei Grenzen, rechterhand und linkerhand, je nachdem, wo ich mich befand, und wie auch immer ich mich drehte und wendete, ich hatte niemals das Gefühl den Rücken frei zu haben, das ist etwas Besonderes. In das Dorf meiner Kindheit konnte man hinein, aber nicht darüber hinaus,

wollte man weiter, musste man umkehren.

Mein Laufstall, so benennen ihn die Deutschen, „Gehschule“ sagte man bei uns daheim, war von tschechoslowakischen und ungarischen Gitterstäben begrenzt, d. h. es handelte sich genau genommen vor allem um Pfosten und Zäune. Dieser Laufstall war zugegebenermaßen recht groß und umfasste einige Hektar – den Kühen auf der Weide ging es nicht anders. Eine Abgrenzung muss sein, das sieht jeder ein, damit die Horde zusammenbleibt und nicht ausbüchst; „Rindviecher“ war im Übrigen ein beliebter Sammelbegriff für uns Schülerinnen und Schüler, wenn wir etwas nicht verstanden hatten.

Mit dem Finger über die große vergilbte Landkarte zu fahren, die an der Volksschultafel angebracht war, war einfach. Die fette, rot schattierte Grenzlinie führte scheinbar mühelos über Stock und Stein, schlängelte sich über Hügel und Felder, zerteilte Landschaften, wie wenn du einen Apfel durchschneidest. Der rote Wurm fraß sich – in realitas – unter der Erde weiter, von oben unsichtbar, grün. Mit dem Auto neben der damals tschechoslowakischen Grenze herzufahren, war ebenfalls einfach – rechts von der Fahrbahn, kurz nach der Böschung und dem Straßengraben, begann das Feindesland, das genau so aussah wie das unsrige, Freundesland, markiert durch rot/weiß/rot bemalte Mikadostäbe; in unregelmäßigen Abständen waren Tafeln in den Boden gerammt, windschief, weil hierzulande viel Wind weht, mit der Aufschrift Achtung Staatsgrenze.

Wir Kinder und Rindviecher konnten vieles nicht verstehen. Vor allem nicht, dass und warum jenseits der Straße alles anders sein sollte. Man hatte uns die Menschen, die dort hausten, beschrieben, wir hatten sie uns ausgemalt: Da gab es einerseits die Vorstellung von „Balkanesen“, Horden von Schwerter schwingenden Reitern mit blutrünstigen Augen, andererseits das Bild des russischen Soldaten mit Fellmütze, vom hohen Wachturm in der Ferne seine Kalaschnikow auf uns gerichtet. In meiner Kindergartenzeit dachte ich, dass dahinter die Welt zu Ende sei, und dass, wenn ich und meine Freundinnen mit den Rädern immer geradeaus fahren würden und den Stacheldraht überwinden könnten, wir runterstürzen würden: Aus, vorbei mit uns, ein Fallen in die Tiefe, ins Ende der Welt.

 

 

Ob Gerade oder Kurve, das Sehen passt sich der Ebene an; es ist schattenlos. Vögel und Flugzeuge vervielfachen die Streifen am Himmel, die Fingerzeige, Wege und Direktionen: Sie deuten von oben nach vorne, es gibt nur ein Vorwärts, aus der Ecke heraus.

 

(...)

 

Auszug aus: „Aus der Ecke“ – Überlegungen zu Grenzen, in: Karin Ivancsics: Aus einem Strich die Landschaft, Essays, 2015, lex liszt 12

 

 

***

 

 

Dine Petrik

 

Geb. 1942 in Unterfrauenhaid, lebt in Wien. Freie Autorin seit 1990, schreibt Lyrik und Prosa.

Preise und Stipendien. Feuilletonistin, diverse Artikel in den hiesigen Medien, zahlreiche Essays in Anthologien. Veröffentlichte bisher elf Bücher, zuletzt: „Die verfehlte Wirklichkeit. Hertha Kräftner“, Art Science, 2009, „Flucht vor der Nacht“, Roman, 2015, „Funken Klagen“ Lyrik, 2016, beide im Verlag Bibliothek der Provinz. www.dine-petrik.com

 

 

Ob er noch male. Eine Frage. Sie blieb im Raum hängen. Eine Frage. Ein Schlag ins Gesicht. Aus dem Hinterhalt eines anderen in seines. Ob er noch male ...

Er schluckte an seiner Wut, setzte kräftig nach. Über das leere Glas hinweg schielte er nach der Flasche. Ein dreister, zugleich infantiler Versuch der Annäherung. Eine Nähe, die nicht zu erreichen war. Er hatte sich längst entfernt, er war nicht da, er stand bloß herum. Ödes Geschwätz, was zum Teufel mache ich denn da. Mehr als ein Hm oder Aha hatte er sich bislang nicht abringen lassen. Weg da, raus, dachte er, während er sein Glas auffüllte. Sein Augenmerk galt dem schweren, ockerfarbigen Vorhang, der die halbe Zimmerfront von der Decke herab bis zum Parkett abdeckte. Schon war er, mit dem rechten Knie heftig gegen die Lamellen eines Heizkörpers stoßend, hinter dem

Vorhang verschwunden. Einen Fluch zerbeißend, streifte er an der Fensterverglasung entlang: Na also, hier geht es raus. Aber nichts, der Türhebel in seiner Hand war nicht zu bewegen; vernagelt, vielleicht eingerostet.

Er setzte sein Glas auf der Fensterbank ab. Das System kannte er, dasselbe hatte er daheim. Also mit beiden

Händen, mit Kraft, mit Heben und Druck. Nichts. Nochmals. Der Hebel bewegte sich, hob sich, verschob sich, ein Griff nach dem Weinglas, er schob die Tür auf.

Benjamin Bogathy stand auf einem Balkon, auf einer Terrasse, auf dem Bretterboden einer Terrasse; leises

Knacken unter den Füßen. Gierig sog er die Luft ein.

Er nahm einen Schluck. Ein Spalt im Vorhang. Der schräg über den Bretterboden fallende Lichtstreifen schnitt die Terrasse in zwei Teile. Bogathy spähte hinein. Von außen nach innen, dachte er, interessant, leider nicht anwendbar ...

 

 

Auszug aus: „Die Party“, Beginn des Romans „Flucht vor der Nacht“, 2016

 

 

***

 

 

 

Peter Pessl

 

Geboren 1963 in Frankfurt/Main, aufgewachsen in der Bundesrepublik und in Österreich, lebt in Markt Allhau und Wien, freier Schriftsteller seit 1984, Radiokünstler, Zeichner. Zahlreiche Veröffentlichungen von Gedichten und Prosa im Literaturverlag Droschl und im Ritter-Verlag, zuletzt: „Wiesenrom! Wiesenmein! Journal, Ritter-Verlag 2015, Hörspiele und experimentelle Radioarbeiten für den ORF und deutsche Rundfunkanstalten, zuletzt: „Mausmutter Mamula Wannwannwann!“ ORF Kunstradio 2016, diverse Literaturpreise und Stipendien.

 

 

 

„Die Zeit in den Hügeln Roms ist alle Zeit der Welt.

Verschwinden die Kopfweiden, rot, am Weiher, schwindet die Welt.

Gehen die Wiesen und Hügel unter, verschwindet, unwiederbringlich, die Welt.

Die Welt ohne Geld.“

„Flavius Basiliscus“ wollte die Königsmaus genannt sein.

Ich notierte, ich nannte sie so.

 

(Graphik)

 

Später sah ich bis tief in die Nacht mit Iphigenio in seiner Wohnung an der Piazza de´ Massimi ein (legendäres) Spiel der Roma gegen Lazio.

Das bestürzende römische Derby wurde von einer in Grün gekleideten Ratte gepfiffen und endete nach (etwa) drei Stunden, im Tumult, 23 zu 3.

Im Anschluss verbrannte das Stadio Olimpico.

Die ganze dampfende Stadt.

 

„Fremder sein (tiefer sein) als die Bohnensuppe, in Velletri.“

 

 

Aus: „Wiesenrom! Wiesenmein!“ Journal, Ritter-Verlag, 2015

 

***

Mechthild Podzeit-Lütjen

Lebt und arbeitet in Wien und im Seewinkel. Zahlreiche Preise; mehrere Reisestipendien nach Kuba. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Perseus oder das Unvorhergesehene. Hörbuch, 2013. Welch eine liebe. lex liszt 12. Oberwart. 2016. Studium der Deutschen Philologie. Sponsion 2015. Studienreisen nach Ägypten, Rom, Israel, Kanada, New York.

www.podzeit-luetjen.at

 

 

flocken und trauben

 

wenn man dann abbiegt

rechts nach Neusiedl

dieses kleine Tal fast

eine Mulde mit Riede

in Schnüren beklebt

durch das Viadukt fährt

bevor man abrupt auf

der Kuppe den Seeblick

wenn nur noch vereinzelt

Blättergelb sich wie Perlen

Trauben aneinander schmiegen

Flocken die Haut zum Glänzen

bringen dann zittern bloß

Sommeliers ihrem Eiswein entgegen

 

Diesen Blick. Er hat ihn geliebt.

 

 

Aus: Podzeit-Jonke, Mechthild: welch eine liebe. der geheime grund. edition lex liszt 12. Oberwart. 2016. S. 30.

 

 

***

 

Beatrice Simonsen

 

Geboren 1955 in Wien, aufgewachsen im Burgenland. Studium der Romanistik und Kunstgeschichte, Dr. phil. Seit 2013 Konzipierung und Organisation von Projekten für „Kunst und Literatur“ vorwiegend im Burgenland. Publikationen: 2005  "Grenzräume. Eine literarische Landkarte Südtirols" (HG.), 2015 „Grenzräume. Eine literarische Spurensuche im Burgenland“ (HG.), 2016 Erzählung in „Behaust“ (HG. K. Tiwald) u.a.

 

 

1989 fiel der Eiserne Vorhang. Nur ein halbes Jahrhundert hatte die Epoche der Abschottung an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn gedauert und doch: wie folgenreich war sie für die Menschen gewesen. Heute ist die Sackgasse wieder durchlässig. Auf der Landstraße windet sich in endlosen Schlangen der Verkehr durch die enge Schlucht der ehemaligen Fabriksgebäude. Die geplante Umfahrung, eine Autobahn als Anschluss an den Verkehrsweg Richtung Ungarn, wurde bis jetzt nicht umgesetzt. Die Fabrik steht wie ein beschädigtes Denkmal in der Landschaft. Auf Youtube finde ich Bilder der Ruine mit schwungvoller Musik unterlegt. Der Fotograf ist von dem „Lost place“ begeistert und dringt mit seiner Kamera immer tiefer ins Innere der verwahrlosten Gebäude vor. „Mein Opa hat hier gearbeitet“, schreibt er. Dazu das lapidare Posting eines anderen: „Mein Opa hieß Conrad Patzenhofer“. Die nächste Generation wirft Blicke in die verlassenen Zimmer der Geschichte. Der eine leuchtet sie aus, der andere schließt die Tür. Der Wind der Zeit treibt Bilder von Licht und Schatten vor sich her.

Vögel picken Löcher in die mit Styropor verkleideten Silos. Turmfalken schweben im Aufwind. Hoch oben auf dem Dach sammeln sich Störche zum Abflug. Die Wände der Silos tragen Werbeplakate für eine Welt der Schönheit: Permanent Make-up, Solarium, Kunstnägel, Friseur, Massage, Maniküre, Pediküre. Ein Versprechen für die Frau. Was dem Mann versprochen wird, lesen wir nicht. Der Flohmarkt vor den Toren von Diskontern und Club-Bars mit grenzüberschreitendem Publikum ufert aus. Eine Ungarin breitet im Kofferraum ihres Autos ein paar Schuhe und Handtaschen zum Verkauf aus. Eine Romni dreht sich lachend und lässt ihren knallgrünen Rock fliegen. Die Händler aus Niederösterreich haben reichlich Ware aus dem untersten Preissegment. Auf der anderen Straßenseite wirbt ein Night Club, daneben der Security Service. An den Rändern der Landstraße wuchern Tankstellen neben Erdbeerfeldern. Die Annasäule an der Kreuzung Richtung Siegendorf „Tabernakelpfeiler mit plastischer Gruppe hl. Anna mit Engeln, bez. ER / 1670 / REN: 1956 / 1714 / F.D.Z. / 1698“ ist dem Kreisverkehr gewichen. Ein Schäferhund rast kläffend entlang dem Zaun vor abgewrackten Autos. Die stillgelegten Gebäude liegen da wie ein abgenagtes Gerippe. (...)

Moderne Großunternehmen für Gummiteile, Elektronik und Mechanik bieten Arbeitsplätze. Von zwei Seiten wachsen Einfamilienhäuser den Abstand zwischen der Fabriksruine und den umliegenden Dörfern zu. Richtung Grenze lugen Windräder über die Baumwipfel des Waldes. Die Grenze ist offen. Die Welt ist rund. Sie dreht sich.

Die Direktorsvilla wird von einer Lärmschutzwand gegen den strömenden Verkehr abgeschirmt. Die Wand trägt blaue Augen. Dichte Sträucher wehren das Hereinwuchern der Gewerbezone ab. Das Haus meiner Kindheit ist wie damals eine Insel. Statt der rumorenden Fabrik brandet nun der Lärm des geschäftigen An- und Abfahrens der Handelstreibenden an das Haus. Die Wellen nach Osten schwappen zurück in den Westen. Das Haus unsinkbar. Immer noch beschirmt von der mächtigen Platane. Immer noch das raue Krächzen der Krähen, das aufwühlende Gurren der Tauben, der Ruf des Käuzchens bei Nacht, der trillernde Gesang der Nachtigallen, die sanfte Verführung des Pirols.

 

(...)

 

Ausschnitt aus der Erzählung “Die hellen und die dunklen Zimmer“, erschienen in “BEHAUST. Menschen unter Dach im Burgenland” (HG. Katharina Tiwald, Edition Marlit, 2016)

 

 

***

 

Susanne Toth

 

Geboren in Lockenhaus, lebt und arbeitet in Wien. Poetin, Autorin, Sprecherin. 1993 - 2000 Mitarbeit an der schule für dichtung in wien. Seit 1999 kontinuierlich Lesungen und Text-Performances (mit improvisierter Musik) im In- und Ausland. Einzelpublikationen Buch, Hörbuch sowie Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturmagazinen, Radio, online. Zuletzt erschienen: in: „71 Oder Der Fluch Der Primzahl“ (Edition Marlit, 2017). in: „BEHAUST. Menschen unter Dach im Burgenland“ (Edition Marlit, 2016). in: „denk•mal“ - [kunstwerk] krastal, Katalog (Wien, 2016).

 

FüllHorn

. . .

die Durchsicht hat’s

mir angetan — 

durch & durch —

und nicht ein

einziger Vorhang

war im Plan.

                   so weit —

so gut. InnenRaum.

LebensBaum.

Holz-Bau-Weise.

Kleingeschrieben käme

es weit besser —   (;-))

aber die Umstände haben

sich wie mich geändert.

Jetzt & hier schreibt

ICH für gross UND

Klein. wichtiger ist (vielleicht)

ein [DAS] dach über dem KOPF —

KopfArbeiterIn !        was für

ein haus steht einer wie

mir (denn) zu ?  HA!  und

gleich drauf: HaHaHa!  jede/r

braucht Schutz &

geborgenheit. Und ES

wird Zeit !        ZeitHaus —

ich habe nie gebaut.

nicht nichts ——  aber

kein Haus —:      

             (das) KEIN-HAUS

im Kirschenbaum. ER

bot mir was mein Herz begehrte:

. . .

 

Aus: „Kathedrale im Burgenland“, in: BEHAUST, Edition Marlit

 

***

 

Fria Elfen

 

geboren 1934 in Wien

Seit Anfang der 70er Jahre Auseinandersetzung mit Sprache und Schrift.

Raum- und Lichtinstallationen mit Plexi, Licht/Schatten und Spiegelelementen.

Ausstellungsbeteiligungen im Bereich konstruktiver Kunst und visueller Poesie.

Ausstellungen im In- und Ausland seit 1965 (D, I, CZ,SLO, H, NL),

1998 Burgenländischer Landeskulturpreis für Bildende Kunst.

 

 

***

 

 

Daniel Wisser

 

Geboren 1971 in Klagenfurt, aufgewachsen in Unterfrauenhaid im Burgenland, lebt seit 1989 in Wien. Seit 1990 verfasst er Prosa, Lyrik und dramatische Werke. 1994 gründete er zusammen mit Thomas Pfeffer, Jürgen Plank und Florian Wisser das Erste Wiener Heimorgelorchester. Theaterproduktionen u. a. bei den Wiener Festwochen, dem Steirischen Herbst und am Wiener Burgtheater. Mit seinem Text „Standby“ wurde er 2011 für den Ingeborg Bachmann Preis nominiert. Elias Canetti-Stipendium für „Ein weißer Elefant“ und „Hawala“. 2016 erschien „Kein Wort für Blau“, „Löwen in der Einöde“, (Klever Verlag), „Unter dem Fußboden“, 2019. Österreichischer Buchpreis 2019 für „Königin der Berge“.

 

 

 


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